Intern
Games Engineering

Interview zu Games Engineering

30.03.2025

Simon Schüßler vom Gymnasium Herzogenaurach hat Prof. von Mammen zu Games Engineering interviewt.

Was genau lernt man im Studiengang Games Engineering?

Games Engineering ist ein spezialisierter Informatikstudiengang mit dem Fokus auf das ingenieursmäßige Entwickeln von großen Softwaresystemen für echtzeitfähige, interaktive Systeme, insbesondere Computer- und Videospiele.

Welche Vorkenntnisse sollte man mitbringen?

Wie in jedem Studium muss man generell Defizite in der einen oder anderen Richtung  versuchen frühzeitig zu erkennen und auszugleichen. Für Games Engineering sollte man Spaß an mathematischen/informatischen Fragestellungen mitbringen sowie Begeisterung für interaktive Systeme.

Welche Programmiersprachen und Engines werden hauptsächlich verwendet?

Wir stellen unseren Studierenden vieles frei. Dennoch setzen sich die meisten intensiv mit den beiden Marktführern Unreal und Unity auseinander. Die open-source Engine Godot wird auch immer beliebter und wir sehen sie immer häufiger in den Projekten unserer Studierenden. Im Games Engineering kommen nicht nur aber hauptsächlich C-basierte Sprachen wie C++ und C# zur Anwendung.

Wie viel Zeit verbringt man mit Theorie vs. Praxisprojekten?

Man muss sich die Frage stellen, wo man hier die Grenze zieht: Selbst Theorie- und Mathematikvorlesungen werden üblicherweise von „praktischen“ Übungen begleitet, damit man die Inhalte auch zum Lösen konkreter Probleme anwenden kann. Das mögen auch manchmal Probleme sein, die man auf den ersten Blick vielleicht nicht nachvollziehen kann, die aber herausragende Relevanz bei der Entwicklung von interaktiven Softwaresystemen haben können. Natürlich gibt es auch eine Vielzahl anderer Vorlesungen, die unmittelbar nachvollziehbare Ziele in den Vordergrund stellen, wie beispielsweise Einführung in die Mensch-Computer-Interaktion oder Asset Entwicklung: Modellierung und Animation. Hier sind die Studierenden dann oftmals überrascht, wie tiefgreifend die Inhalte auch theoretisch fundiert vermittelt werden müssen, damit man wirklich versteht was passiert und es auch entsprechend versiert anwenden kann. Unterm Strich möchte ich sagen, dass man Theorie und Praxis im Games Engineering braucht, um anspruchsvolle Projekte, wie beispielsweise in den Game Labs, erfolgreich zu bestreiten.

Gibt es Kooperationen mit Spielefirmen?

Wir kooperieren mit Spielefirmen wie HandyGames und GentleTroll, mit Serious Games-Firmen wie Tough Training und auch mit Firmen aus zahlreichen anderen Gewerben, wie zum Beispiel mit MA Lighting, die Lichtkontrollsysteme entwickeln. Firmen, die Games oder Interaktive Systeme fest als Teil ihrer Geschäftsmodelle verankert haben, haben ein großes Interesse mit uns zu kooperieren und unsere Studierenden für sich zu gewinnen. Die Anzahl der Firmen, die diesen Bedarf für sich entdecken steigt stark an.

Wie unterscheidet sich Games Engineering von einem klassischen Informatik-Studium?

Traditionelle Informatikstudiengänge betrachten digitale Informationsverarbeitung an und für sich. Games Engineering fokussiert sich auf echtzeitfähige, interaktive Softwaresysteme, wodurch entsprechende Schwerpunkte hinsichtlich Inhalten und Methoden folgen: Wir müssen proaktiv auf die Anwender/innen zugehen und sie eng in unseren Entwicklungszyklus einbinden, um Games und Technologiekomponenten zu entwickeln, die ihnen große Freude und Nutzen bereiten. Games repräsentieren die Königsklasse perfekter „User Experience“, alle Software- und Hardwarekomponenten müssen also optimal aufeinander und auf die Anwender/innen und deren Bedürfnisse abgestimmt sein. Im Games Engineering fließen der Stand-der-Technik und Stand-der-Wissenschaft in die ingenieursmäßige Gestaltung und Umsetzung von Softwaresystemen ein, sodass bestmögliche Performanz und größtmöglicher Nutzen erzielt werden können.

Welche Vorlesungsthemen gibt es?

Es gibt grundständige Vorlesungen der Mathematik und der Informatik, bspw. Algorithmen und Datenstrukturen, Einführung in die Programmierung, Spezialvorlesungen im Bereich interaktiver Systeme und Games, bspw. Interaktive Computergraphik, Interaktive Intelligenz, Einführung in Mensch-Computer-Interaktion, und projektorientierte Kurse wie die Game Labs, in denen unsere Studierenden den gesamten Entwicklungszyklus von Games umsetzen, mit Nutzern zu arbeiten und technische Lösungen sowie umfassende Softwaresysteme für interaktive Anwendungen entwickeln lernen.  

Welche Soft Skills und welche Hard Skills sind für angehende Games Engineers besonders wichtig?

Die Ansprüche an Games Engineers und damit auch an die Lerninhalte des Studiengangs sind so vielfältig wie Games selbst. Der Erfolg hängt von „people skills“, technischer Expertise, Kreativität und gestalterischen Fähigkeiten und natürlich von der persönlichen Hingabe ab. Im Studium versuchen wir diese Perspektiven optimal zu fördern. Da wir alle unterschiedlich sind, entfalten sich im Verlauf des Studiums sehr individuelle Profile was Fähigkeiten, Fertigkeiten aber auch Interessen betrifft. Das Gesamtpaket muss stimmen, damit man sich glücklich und erfolgreich in Beruf und Gesellschaft einbringen kann. Daher versuchen wir, ein ordentliches Fundament für alle Studierenden zu schaffen und darüber hinaus individuelle Begabungen und Neigungen zu fördern, insbesondere dadurch dass wir hohe Freiheitsgrade bei der Auswahl der Inhalte von Projekten und Forschungsarbeiten anbieten.

Welche Berufsfelder stehen einem nach dem Studium offen?

Durch die individuellen Neigungen und Leistungsprofile ergibt sich die Möglichkeit, sehr unterschiedliche Positionen einzunehmen. In Game Studios kann man üblicherweise als Game(s) Engineer, Game Developer, Technical Artist, Interactive Solutions Engineer, etc. Fuß fassen. In anderen Industrien werden Spezialisten/innen für interaktive Visualisierungen, immersive Trainings, interaktive Simulation, bspw. für das Training echtweltfähiger Künstlicher Intelligenz händeringend gesucht. Insgesamt ist das Spektrum potenzieller Gewerbe über den Unterhaltungs- und Bildungsmarkt hinaus enorm groß – es reicht von Medizin und Health über das Bau- und Logistikgewerbe bis zu Individualverkehr, Transport, Verteidigung und Luft- und Raumfahrt. Natürlich kann man auch auf den Grundlagen eines Bachelorstudiums aufbauen und einen Masterabschluss anstreben, um seine fachliche Expertise zu vertiefen oder später durch eine Promotion den höchsten wissenschaftlichen Bildungsgrad erreichen und sich in der Forschung engagieren.

Wie sieht ein typischer Arbeitstag eines Games Engineers in der Spielebranche aus? Was sind typische Aufgabenstellungen?

Als Games Engineer in der Games-Branche arbeitet man zuvorderst an den technischen Herausforderungen von innovativen Spieletiteln. Man entwickelt beispielsweise an den Steuerungssystemen, an der Grafikpipeline, an den Interaktions-, Dialog- oder Inventarsystemen oder am Vorverarbeiten detaillierter Assets, aus denen immersive Welten komponiert werden. Neben funktionalen technischen Anforderungen müssen dabei immer auch die Erfordernisse der Anwender/innen in Betracht gezogen und vor allem in erster Instanz auch klar verstanden werden. Games Engineers verstehen sich daher auch als Dienstleister, die andere Entwickler und Designer beflügeln und befähigen, die Grenzen des Machbaren zu durchbrechen.

Welche Herausforderungen gibt es in diesem Beruf?

Es gibt drei enorm große Herausforderungen, die sich auf dieser Flughöhe auch auf viele andere ingenieursorientierte Berufs übertragen lassen: (1) Probleme umfassend verstehen lernen, (2) einfach anwendbare, zielführende Lösungen konzipieren und (3) diese Lösungen bestmöglich nutzerzentriert, nachhaltig und mit möglichst wenig Aufwand umzusetzen. Darüber hinaus müssen wir alle unseren Mitmenschen wertschätzend gegenübertreten und mit einem offenen Mindset, Mut und Selbstbewusstsein neue Herausforderungen annehmen. Games Engineers können unglaublich viel bewirken. Umso wichtiger ist es, dass sie sich kontinuierlich auf verschiedenen Ebenen weiterentwickeln.

Wie gut sind die Jobchancen für Games Engineers in Deutschland und international?

Meine Erfahrungen bezüglich der Jobchancen unserer Alumni sind sehr gut. Die Fähigkeiten sind auch international gefragt, weswegen es hier durchaus Möglichkeiten gibt, ins Ausland zu gehen.

Wie zukunftssicher ist der Beruf des Games Engineers?

Die Digitalisierung verändert unsere Gesellschaft und unsere Lebensgrundlagen enorm schnell. Manch eine/r fühlt sich gar von ihr überrollt. Doch sie ist alternativlos: Wir brauchen die Fähigkeit, viel Wissen und massenhaft Daten zu integrieren und nachhaltige Antworten für unsere durchaus komplexe Lebensrealität zu finden. Jeder noch so kleine Schritt in diese Richtung kann unnötiges Leid verhindern helfen und Nachhaltigkeit und Lebensglück befördern. Gerade in letzter Zeit empfinden wir die Digitalisierung als enorm schnell und stetig beschleunigend. Ich bin der festen Überzeugung, dass diese Geschwindigkeit weiterhin stark wachsen wird. Die Bedeutung an ingenieursmäßiger Arbeit an mensch-zentrierten, digitalen Systemen wird entsprechend weiterhin drastisch zunehmen.

Inwieweit glauben Sie, dass Künstliche Intelligenz in Zukunft Aufgaben von Games Engineers vollständig übernehmen kann? Und wie wird sich Ihrer Einschätzung nach das Berufsbild in den kommenden Jahren verändern?

Die Fragen suggerieren, dass Games Engineering ein begrenztes Leistungsspektrum abdeckt, was insbesondere bei traditionellen Berufsbildern der Fall ist. Wir alle müssen immer neuen Herausforderungen begegnen und auch Methoden, Perspektiven und Technologien, die uns dabei helfen können, offen gegenüber stehen und unser Leistungsspektrum proaktiv erweitern. Es stellen sich also vielmehr die Fragen, inwiefern ein universitäterer Abschluss im Games Engineering auf dieses lebenslange Lernen vorbereitet und inwiefern die Zielsetzungen, denen sich Games Engineers verschreiben, aktuell bleiben werden. Im Games Engineering-Studium vermitteln wir nicht bloßes Anwenden von Wissen und Technologien, was schnell nach dem Studienabschluss oder sogar noch während des Studiums überholt werden könnte. Ganz im Gegenteil legen wir großen Wert darauf, das zugrundeliegende Wissen wirklich zu verstehen - wo es herkommt, wo seine Grenzen liegen, wie man es auf neue Art und Weise anwenden kann und auch, wie man neues Wissen schafft. Diese Grundlagen in Kombination mit der Zielsetzung des Games Engineering, Technologie für den Menschen zu entwickeln, zu verbessern und zu innovieren bieten eine langfristige Perspektive.

Welche Rolle spielt Künstliche Intelligenz in der Spieleentwicklung?

Es gibt seit vielen Jahren große wissenschaftliche Konferenzen, die sich um Games und AI drehen. Die Forschungsbeiträge reichen von der Programmierung virtueller Personen (non-player characters oder „virtuelle Agenten“) über intelligente Wegfindung bis zur prozeduralen Generierung von Spieleinhalten (procedural content generation). Die entwickelten Methoden fließen in hohem Maß in Indie-Games und zunehmend auch in AAA-Produktionen namhafter Game Studios ein. Neuste Trends des maschinellen Lernens (Deep Learning, Large Language Models, etc.), die nun eine Technologiereife befördert haben und daher wie im Sturm unsere Alltagstechnologien verändern, schlagen sich natürlich auch in der Spieleentwicklung nieder. Sie vereinfachen und beschleunigen Entwicklungsarbeiten von Games, sie beflügeln ambitionierte Ansätze für die Gestaltung von Games, für ihre Anpassung auf die Präferenzen der Spieler/innen, oder auf die Möglichkeit, gezielt Lernen zu fördern.

Welche Tipps würden Sie jemandem geben, der Games Engineer werden möchte?

(1) Den Wert der Bildung für sich selbst begreifen. (2) Bildungsangebote wertschätzen und mit vollem Eifer nutzen. (3) Noten nicht persönlich nehmen, sondern als das, was sie gedacht sind: Feedback um besser zu werden. (4) Für das Studium einschreiben und ihm höchstmögliche Priorität einräumen.

Welche Fehler machen Anfänger häufig?

Anders gesagt: Wenn man die Angebote der Universität kontinuierlich wahrnimmt und mitarbeitet wie angeregt, dann macht man schon mal sehr viel sehr richtig. 

Was hat Sie persönlich an Games Engineering inspiriert?

Ich habe Informatik studiert, weil ich hier das Potenzial gesehen habe, mich hier bestmöglich für unsere Gesellschaft einzubringen. Die großen Themen Artificial Life und Artificial Intelligence haben mich besonders interessiert, noch bevor ich mit dem Studieren begonnen hatte. Im Verlauf meines Studiums, während meiner Promotion und schließlich während meiner Habilitation haben interaktive, mensch-zentrierte Herausforderungen eine zunehmend wichtige Rolle eingenommen: Eine wissenschaftliche Errungenschaft kann noch so grandios sein – wenn sie niemand versteht oder verwenden möchte, dann hat sie keinen Nutzen. Diese Einsicht ist die Grundlage des Games Engineering und daher messe ich ihm so derart viel Bedeutung bei.

Welches Projekt oder Spiel, an dem Sie gearbeitet haben, hat Ihnen am meisten Spaß gemacht?

Ich habe mittlerweile die Entwicklung von hunderten kleineren und dutzenden größeren Projekten begleitet. Den größten Spaß empfinde ich, wenn innovative Ideen und Konzepte Realität werden, wenn sich Mühe auszahlt, wenn wissenschaftlicher und praktischer Nutzen erzielt wird und wenn die Resultate von Dauer sind – also nicht nach getaner Arbeit in Vergessenheit geraten, sondern genutzt und weiterentwickelt werden.

Welche Entwicklungen in der Gaming-Branche finden Sie besonders spannend?

Die Games-Branche hat ein enormes kreatives Potenzial. Gleichzeitig steht sie enorm unter Druck. Noch stärker als andere Medien muss sie ständig aufs Neue sich selbst übertrumpfen, indem sie neue Technologien, neue Spielemechaniken, letztlich ein neues Verständnis von Spielen an sich erfindet, umsetzt, verfeinert und erfolgreich in den Markt einführt. Wenn wir uns den hohen Anspruch von Games vor Augen führen, dass wir inhaltlich gut unterhalten werden wollen, dass wir Herausforderungen meistern wollen, gleichzeitig gut bei der Stange gehalten und nicht überfordert werden wollen – kurz um, dass all unsere vielfältigen kognitiven Ansprüche perfekt bedient werden sollen, dann wird einem der Wert dieser Entwicklung erst bewusst: Die Games-Branche entwickelt digitale Systeme, um uns Menschen bestmöglich zu gefallen und Spaß zu bereiten. Das ist enorm spannend und birgt auch enormes Potenzial, um unsere Art zu leben, zu lernen, zu forschen, zu gestalten, zu kommunizieren zu verbessern.

Spielen Sie selbst gerne Videospiele?

Leidenschaftlich, aber viel zu wenig, da ich wenig Zeit habe. Wenn ich spiele, dann meist auch auf dem leichtesten Schwierigkeitsgrad, da ich in der kurzen Zeit, die mir zur Verfügung steht, möglichst weit im Spiel vorankommen will. Ich betrachte meine Spielerlebnisse immer durch die Brille der Wissenschaft: Mich interessiert insbesondere, welche technischen Lösungen zum Einsatz kommen, wie ich welche gestalterischen Elemente wahrnehme und welche Effekte das auf meine Motivation hat weiterzuspielen.

Befragt wurde Prof. Dr. Sebastian von Mammen.
Das Interview führte Simon Schüßler, 29.03.2025